Roland Scheck

Zürcher Stadtrat überzieht die Stadt immer mehr mit rotem Filz

Roland Scheck

Fragwürdiger Personalentscheid in der Dienstabteilung Verkehr

Im vergangenen März liess der Stadtrat von Zürich in einer Medienmitteilung verlauten, dass er für den bisherigen Direktor der Dienstabteilung Verkehr eine neue Direktorin gewählt habe. Die Medienmitteilung wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, doch nach genauerem Hinsehen wirft sie Fragen auf.

Die Dienstabteilung Verkehr (DAV) ist im Polizeidepartement der Stadt Zürich aufgehängt und umfasst rund 100 Mitarbeitende. Es sind ausgewiesene Fachleute, denn eine der Haupttätigkeiten der DAV ist das Verkehrsmanagement in der Stadt Zürich. Darunter fallen hochkomplexe verkehrstelematische Aufgaben im Bereich der Verkehrssteuerung.

Entspricht in keiner Weise den fachlichen Erfordernissen
Der Kreis von Verkehrsingenieuren mit ausgewiesener Erfahrung in Verkehrstelematik ist klein und überschaubar. Umso mehr erstaunt es, dass der Stadtrat für die Leitung des DAV keine interne Bewerbung berücksichtigt hat, sondern eine externe Person wählte, die auf diesem Gebiet keinerlei Referenzen hat. Die neue Direktorin heisst Esther Arnet Notter. Nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre mit Berufsmittelschule hat sich Frau Esther Arnet Notter zur «Natur- und Umweltfachfrau mit Eidgenössischem Fachausweis» weitergebildet und anschliessend ein Studium der Betriebsökonomie an der Zürcher Hochschule Winterthur abgeschlossen. In der Privatwirtschaft würde dieses Bewerbungsdossier bei der ersten Sichtung bereits aussortiert, da die Ausbildung der Kandidatin nicht mit den fachlichen Erfordernissen der ausgeschriebenen Stelle korrespondiert. Nicht aber Frau Esther Arnet Notter. Erstaunlicherweise überstand sie die erste Triage der Dossiers, wie neben ihr noch weitere 41 Kandidaten. Nach ersten Sondierungsgesprächen wurden schlussendlich vier Kandidierende zu strukturierten Interviews eingeladen und drei davon einem eintägigen Einzelassessment unterzogen. Ob sich Frau Esther Arnet Notter unter diesen Dreien befand und sich dem Assessment unterziehen musste, oder ob sie auch in dieser Runde des Personalgewinnungsprozesses bereits für das Weiterkommen gesetzt war, lässt der Stadtrat offen. Tatsache ist aber, dass Frau Esther Arnet Notter darauf zur neuen Direktorin ernannt wurde. Sie ist nun als Teil des obersten Kaders in der Stadtverwaltung in die Funktionsstufe 16 eingeteilt und verdient, abhängig von der sogenannten «nutzbaren Erfahrung», zwischen 181 809 und 222 716 Franken pro Jahr. Wie die «nutzbare Erfahrung» von Esther Arnet Notter bewertet ist, will der Stadtrat nicht offenlegen. Als «Natur- und Umweltfachfrau mit Eidgenössischem Fachausweis» wäre aber alles andere als die tiefste Stufe inadäquat. Oder wurde sie etwa doch höher eingestuft?

Richtiges Parteibuch als Hauptkriterium?
Nun fragt sich jeder Leser zu recht, wie es möglich sein kann, dass jemand mit diesem fachlichen Background zu einer derartigen Stelle kommen kann, obwohl auch zahlreiche Bewerbungen von Ingenieuren, zum Teil mit Vertiefungsrichtung Verkehrsplanung, eingingen. Ist es vielleicht deshalb, weil Frau Esther Arnet Notter zuvor Delegierte des Verwaltungsrates der Metron AG und ihrer Tochtergesellschaften war? Denn die Metron Gruppe hat in der Vergangenheit immer wieder beträchtliche Aufträge der Stadt Zürich erhalten und ist für ihre krass gegen den Motorisierten Individualverkehr ausgerichtete Planungstätigkeiten bekannt respektive fast schon berüchtigt. Dies könnte durchaus ein Teil der Erklärung sein, denn das oberste Ziel des rot-grünen Stadtrats ist ja bekanntlich die Behinderung des Motorisierten Individualverkehrs und deckt sich damit mit der verkehrsplanerischen Philosophie der Metron Gruppe.
Was vielleicht noch? Ach ja, Frau Esther Arnet Notter ist übrigens auch noch Mitglied der Sozialdemokratischen Partei SP. Jetzt kommen wir der Sache also immer näher. Um das infolgedessen unweigerlich aufkommende Verdachtsmoment zu entschärfen schreibt der Stadtrat: «Der Stadtrat traut Esther Arnet wie anderen Mitarbeitenden durchaus zu, zwischen Parteibuch und Beruf unterscheiden zu können». Nun ja, wer’s glaubt.

Der rote Filz grassiert
Und zu guter Letzt noch die Erklärung für diejenigen Leser, die bei der Erwähnung des Zweitnamens «Notter» jeweils eine Veränderung des Blutdrucks verspüren und nicht wissen weshalb: Frau Esther Arnet Notter ist auch noch die Ehefrau von alt-Regierungsrat Markus Notter von der Sozialdemokratischen Partei SP.
In Zukunft werden also die Rotlichtwellen in der Stadt Zürich mit Sicherheit nicht abnehmen. Die Rotlichter werden die genervten Autofahrer aber mehr denn je daran erinnern: In Zürich grassiert der rote Filz.

Artikel erschienen am 27.04.2012 im «Der Zürcher Bote»