Roland Scheck

Weltoffen

Roland Scheck
Der Zürcher Stadtrat hat ein Mitteilungsbedürfnis. Er will seine Weltoffenheit kundtun. Alle sollen sehen, wie weltoffen die neun Magistraten sind. Anstatt dies mit Taten unter Beweis zu stellen, insbesondere durch eine liberale Verkehrs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik, zieht der Stadtrat es vor, seine Weltoffenheit mit einem Kunstobjekt zum Ausdruck zu bringen. Wobei das auserwählte Kunstobjekt genauso wenig fasslich wie die ihm zugrunde liegende Idee ist: Ein ausrangierter Hochseekran.

Inzwischen ist bekannt, wo der Stadtrat seinen Weltoffenheits-Hafenkran beschaffen wird. Er kommt nicht etwa aus Rotterdam, dem nach Shanghai und Singapur drittgrössten Seehafen der Welt und dem mit Abstand grössten Tiefseehafen Europas. Er kommt auch nicht aus dem Welthafen Hamburg, dem zweitgrössten Tiefseehafen Europas. Nein, das Teil kommt aus Rostock. In Anbetracht des Materiellen durchaus passend. Ein Rosthaufen aus Rostock. In Anbetracht des Ideellen aber eher hanswurstig. Rostock ist gerade mal halb so gross wie Zürich. Ein provinzieller Hafenkran aus Mecklenburg bekommt also die Ehre, des Zürcher Stadtrats Weltoffenheit zu versinnbildlichen.

Immerhin war Rostock für kurze Zeit etwas grösser als halb so gross wie Zürich. Bis 1988 wuchs Rostock dank industrieller Plattenbauten auf über 250 000 Einwohner, doch fiel die Bevölkerungszahl bald wieder zurück, da die Stadt nach der Deutschen Wiedervereinigung mit enormen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte. Als ein Tiefpunkt gelten auch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Lichtenhagen im August 1992, an denen sich mehrere hundert rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer beteiligten, und die als die massivsten rassistisch motivierten Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte gelten.

Bemerkenswert ist auch die Logistik. Das Neunzig Tonnen schwere Ungetüm muss über eine Distanz von über Tausend Kilometern transportiert werden. Ginge es nach der Politik des rot-grünen Stadtrats, müssten Verkehrswege mit dem Velo oder dem ÖV zurückgelegt werden. Aber in diesem Fall macht man gerne eine Ausnahme. Die 2000-Watt-Gesellschaft gilt schliesslich nur, wenn es Rot-Grün gerade in den Kram passt. So zum Beispiel am vergangenen Züri Fäscht, wo der heimatmüde Stadtrat ein Gesuch für eine Flugshow der Patrouille Suisse ablehnte. Die Düsenjets seien mit Nachhaltigkeit und dem Streben zur 2000-Watt-Gesellschaft nicht zu vereinbaren. Aber ein Hafenkran aus Rostock hingegen schon.

Weltoffenheit demonstrieren mit einem Hafenkran aus Rostock. Wer solcherweise offen ist, ist wohl auch nicht ganz dicht.

Artikel erschienen am 14.03.2014 im «Der Zürcher Bote»